Dumpingpreise – Schlau oder Selbstsabotage?
Kürzlich stieß ich auf eine Facebook-Werbung, die mich regelrecht schockierte. Eine Ein-Personen-Agentur bot dort ein Logo und eine Webseite für schlappe 600 Euro an. Mein erster Impuls? Die haben wohl eine Null vergessen! Aber lassen wir den Sarkasmus beiseite und betrachten das Ganze professionell.
Jeder, der schon einmal ein Business geführt hat, kennt das Gefühl: Die Kunden bleiben aus, die Panik steigt, und man beginnt, an der Preisschraube zu drehen – nach unten. Doch wer schon länger in der Branche ist, weiß: Dumpingpreise sind niemals die Lösung.
Warum ist man sich selbst der größte Feind?
Warum verkauft sich eine Agentur so unter Wert? Und wie kann jemand, der offensichtlich nicht wirtschaftlich kalkuliert, ein eigenes Unternehmen nachhaltig führen?
Seien wir realistisch: Ein professionelles Logo nach Designstandards und eine professionelle Webseite sind kein „Nebenjob“, sondern das essenzielle Fundament eines jeden Unternehmens – und genau das erfordert Zeit, Expertise und eine durchdachte Strategie. Das Beste für den Kunden zu geben, der einem sein Vertrauen schenkt, sollte selbstverständlich sein – doch zu solchen Preisen ist das schlichtweg nicht möglich.
Ein realistischer Blick auf den Aufwand
Selbst mit KI-Tools, Baukastensystemen und Automatisierung bleibt ein Mindestaufwand bestehen. Ein solides Logo-Design beginnt nicht bei einem einzigen Entwurf – es braucht Konzeptentwicklung, Varianten, Feinjustierung und Kundenfeedback.
Mindestens 5 Entwürfe sind bei mir Standard, bis die Richtung klar ist. Anschließend folgt die Detailarbeit, um ein Ergebnis zu liefern, das den Kunden langfristig repräsentiert.
Und eine Webseite? Das bedeutet intensive Beratung, Strategie, Entwurf, Anpassung, Aufbau, Content-Erstellung, SEO, Testing und vieles mehr.
Selbst wenn ich die Stunden grob überschlage, läge mein Stundensatz bei solchen Angeboten unter 40 Euro. Und das ist für mich einfach nicht tragbar und ich möchte das ganz einfach nicht.
Meine harte Lektion aus der Praxis
Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge meiner Selbstständigkeit. Eine Interessentin fragte nach einer Leistung, und ich bot ihr einen extrem günstigen Preis an – in der Hoffnung, mein Portfolio zu erweitern. Ihre Reaktion? Sie lehnte ab und meinte, mein Angebot sei viel zu teuer. Doch nicht nur das: Die Ablehnung war alles andere als höflich, sondern traf mich mit unschönen, verletzenden Worten unter der Gürtellinie.
Diese Erfahrung war schmerzhaft und ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen, aber sie hat mich eine entscheidende Lektion gelehrt:
Menschen, die nichts investieren wollen, schätzen gute Leistung auch nicht. Und genau solche Kunden möchte ich nicht haben.
Qualität hat ihren Preis
Ich möchte Kunden, die verstehen, dass qualitativ hochwertige Arbeit Zeit, Know-how und Herzblut erfordert. Wer Wert auf Individualität, Funktionalität und strategische Planung legt, weiß, dass sich Investitionen lohnen. Preisdumping hingegen zieht Kunden an, die keine Wertschätzung haben – und am Ende sind beide Seiten unzufrieden.
Stimmt die Qualität der Leistung bei so einem Preis? Wollen wir Kreative in Zukunft Geld bezahlen, um arbeiten zu dürfen?
Noch ein grundlegender wirtschaftlicher Aspekt: Wenn niemand mehr bereit ist, für Leistung zu bezahlen, hat irgendwann niemand mehr Geld, um etwas auszugeben. Ein Kreislauf, der nicht nur die Kreativbranche betrifft, sondern die gesamte Wirtschaft schwächt.
Wer faire Preise zahlt, trägt dazu bei, dass Qualität erhalten bleibt und Unternehmen langfristig bestehen können.
Fazit: Wer sich selbst ernst nimmt, verkauft sich nicht unter Wert. Denn am Ende zahlt sich Qualität immer aus.