Wenn Experten-Vertrauen zur Falle wird

Warum Sie nicht jedem „Experten“ auf Social Media folgen sollten – und wie Sie Ihre eigene Richtung trotz Lautstärke finden.

Warum ich bei „Sie müssen unbedingt …“ inzwischen sehr vorsichtig werde.

Kennen Sie das?

Sie sehen ein Video und hören:

„Wenn Sie 2026 noch XY machen, schaden Sie Ihrem Business.“

Zwei Beiträge später erklärt Ihnen jemand genauso überzeugend:

„XY ist gerade wichtiger denn je.“

Und während Sie noch überlegen, wem Sie jetzt glauben sollen, erscheint bereits der nächste Experte mit:

„Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Marketing gelernt haben.“

Herrlich.

Willkommen im Internet.

Ich gebe zu: Bei solchen Aussagen sehe ich inzwischen ziemlich schnell rot.

Nicht, weil ich glaube, alles besser zu wissen.

Sondern weil gerade kleine Unternehmen ohnehin genug Entscheidungen treffen müssen – und ihnen diese ständigen absoluten Aussagen häufig nicht helfen.

Sie machen vor allem eines:

unsicher.

Mein persönliches Warnsignal? „Sie müssen.“

Besonders dann, wenn danach keine einzige Frage über Ihr Unternehmen kommt.

Sie müssen jeden Tag posten.

Sie müssen Reels machen.

Sie müssen einen Funnel haben.

Sie müssen Google Ads schalten.

Sie müssen Ihre Preise auf die Website schreiben.

Sie dürfen Ihre Preise niemals auf die Website schreiben.

Sie brauchen eine spitze Nische.

Sie müssen sich breit aufstellen.

Und selbstverständlich funktioniert das alles für jedes Unternehmen.

Da werde ich skeptisch.

Nicht, weil diese Maßnahmen grundsätzlich falsch wären.

Sondern weil Unternehmen unterschiedlich sind.

Ein regionaler Handwerksbetrieb funktioniert anders als ein Online-Shop.

Eine Einzelunternehmerin mit zehn Stammkunden braucht eine andere Strategie als ein Unternehmen, das jeden Monat hunderte Neukunden benötigt.

Und jemand, der seine Aufträge über Empfehlungen bekommt, muss vielleicht nicht dieselben Dinge tun wie jemand, der völlig neu am Markt ist.

Ein guter Rat braucht für mich deshalb zuerst Kontext.

Sonst ist er eben nur eine Meinung mit schöner Beleuchtung.

Ich kenne diese Verunsicherung selbst

Auch ich bin schon von Video zu Video gesprungen und habe plötzlich Dinge hinterfragt, die eigentlich funktioniert haben.

Ich kann mich hier überhaupt nicht ausnehmen.

Gerade in den ersten Jahren meiner Selbständigkeit habe ich unglaublich viel recherchiert.

YouTube.

Blogs.

Webinare.

Podcasts.

Kurse.

Social Media.

Ich wollte lernen.

Und ich habe dabei tatsächlich sehr viel gelernt.

Aber ich habe auch Stunden mit Inhalten verbracht, bei denen ich hinterher nicht klüger, sondern vor allem verwirrter war.

Da sagt jemand:

„So müssen Sie Ihre Website aufbauen.“

Ich denke:

„Oh. Dann mache ich das offenbar falsch.“

Also recherchiere ich weiter.

Der Nächste erklärt:

„Genau das dürfen Sie auf keinen Fall machen.“

Perfekt.

Jetzt mache ich nicht nur etwas falsch.

Ich weiß nicht einmal mehr, was ich falsch mache.

Heute gehe ich damit wesentlich entspannter um.

Ich höre mir etwas an.

Ich prüfe es.

Ich schaue, ob es zu meinem Unternehmen oder zum jeweiligen Kunden passt.

Und ich reiße nicht mehr sofort alles nieder, nur weil jemand vor einer Kamera ausgesprochen überzeugt klingt.

Laut auftreten ist keine Qualifikation

Aber eine formale Ausbildung allein ist ebenfalls keine Garantie.

In meinem ursprünglichen Artikel habe ich sehr stark auf Ausbildung und Qualifikation abgestellt.

Heute würde ich das differenzierter sehen.

Natürlich finde ich Fachwissen wichtig.

Ausbildung ebenfalls.

Aber ich kenne auch Menschen, die keinen klassischen Abschluss in ihrem Bereich haben und hervorragende Arbeit leisten, weil sie seit vielen Jahren Erfahrung, Wissen und praktische Ergebnisse aufgebaut haben.

Genauso kann jemand sämtliche Zertifikate dieser Welt besitzen und trotzdem keine besonders gute Beratung anbieten.

Deshalb schaue ich heute lieber auf mehrere Dinge:

Welche Erfahrung hat diese Person tatsächlich?

Kann sie ihre Aussagen nachvollziehbar erklären?

Gibt es Referenzen oder konkrete Beispiele?

Kann sie auch sagen: „Das weiß ich nicht“?

Fragt sie nach meinem Unternehmen, bevor sie eine Lösung empfiehlt?

Und besonders wichtig:

Kann sie zwischen Meinung, Erfahrung und belegbarer Tatsache unterscheiden?

Das ist für mich inzwischen deutlich wertvoller als irgendein Titel unter dem Profilbild.

Ein beeindruckender Screenshot ist noch keine Bilanz

Große Zahlen brauchen manchmal erstaunlich wenig Kontext.

Sie kennen vermutlich diese Aussagen:

„Eine Million Umsatz im ersten Jahr.“

„100.000 Euro in 30 Tagen.“

„Von null auf sechsstellig.“

Kann alles stimmen.

Wirklich.

Aber ich hätte dann trotzdem ein paar Fragen.

Umsatz womit?

Mit welchen Kosten?

Mit welchem Werbebudget?

Mit wie vielen Mitarbeitenden?

Über welchen Zeitraum?

Und war dieser Umsatz auch profitabel?

Denn eine große Zahl alleine erzählt noch keine besonders vollständige Geschichte.

Ein beeindruckender Screenshot ist noch keine Bilanz.

Besonders amüsiert mich dabei immer ein bisschen die Geschichte vom nahezu mühelosen Erfolg über Nacht.

Irgendwann frage ich mich dann schon:

Wenn das alles dermaßen einfach und automatisch läuft – warum braucht es eigentlich jeden Dienstag wieder ein neues Webinar darüber, wie ich genau dasselbe erreichen kann?

Vielleicht bin ich aber auch einfach ein wenig misstrauisch.

Kann vorkommen.

Was mich wirklich stört: Angstmache

Information darf aufmerksam machen. Sie muss aber nicht ständig den Weltuntergang ankündigen.

„Wenn Sie das jetzt nicht ändern, verlieren Sie Kunden.“

„Instagram ist tot.“

„SEO funktioniert nicht mehr.“

„Websites werden durch KI überflüssig.“

„Reels ruinieren Ihren Account.“

„Ohne Personal Branding sind Sie unsichtbar.“

Genau diese Art von Aussagen bringt mich auf die Palme.

Nicht weil Veränderungen unwichtig wären.

Natürlich muss man Entwicklungen beobachten.

Ich aktualisiere meine eigenen Artikel schließlich auch, wenn sich Google, Social Media oder technische Anforderungen verändern.

Aber zwischen:

„Hier verändert sich etwas, schauen wir genauer hin.“

und

„Wenn Sie jetzt nicht sofort handeln, ist Ihr Business praktisch erledigt.“

liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Angst erzeugt Aufmerksamkeit.

Das funktioniert.

Aber ist das deshalb gute Beratung?

Für mich nicht.

 

Symbolbild

Gute Beratung darf auch einmal langweilig sein

„Es kommt darauf an“ ist manchmal tatsächlich die richtige Antwort.

Ich weiß.

Niemand möchte auf eine Frage hören:

„Das hängt von Ihrer Situation ab.“

Das klingt nicht besonders spektakulär.

Man kann daraus auch schlecht ein Reel mit dramatischer Musik machen.

Aber leider ist es häufig wahr.

Brauchen Sie einen Blog?

Kommt darauf an.

Brauchen Sie Social Media?

Kommt darauf an.

Sollten Sie Google Ads schalten?

Kommt darauf an.

Müssen Sie Ihre komplette Marke neu gestalten?

Ebenfalls:

Kommt darauf an.

Eine gute Beratung beginnt für mich deshalb nicht mit einer fertigen Antwort.

Sondern mit Fragen.

Was möchten Sie erreichen?

Was funktioniert bereits?

Wo liegt das eigentliche Problem?

Wie sieht Ihr Budget aus?

Welche Ressourcen haben Sie?

Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Und was passt überhaupt zu Ihnen?

Erst danach wird eine Empfehlung interessant.

Kostenloser Content ist nicht automatisch schlecht

Und ein teurer Kurs nicht automatisch gut.

Auch das sehe ich heute differenzierter als früher.

Im Internet gibt es unglaublich gute kostenlose Inhalte.

Ich habe selbst viel daraus gelernt.

Es gibt Fachleute, die auf YouTube, in Blogs oder Podcasts hervorragendes Wissen teilen.

Und natürlich dürfen diese Menschen anschließend auch Kurse, Beratungen oder Dienstleistungen verkaufen.

Das ist schließlich ihr Geschäft.

Problematisch wird es für mich erst dort, wo kostenloser Content hauptsächlich daraus besteht, ein Problem größer und gefährlicher erscheinen zu lassen – damit anschließend die kostenpflichtige Lösung umso notwendiger wirkt.

Oder wenn Wissen bewusst so vereinfacht wird, dass am Ende nur noch übrig bleibt:

„Sie machen alles falsch. Kaufen Sie meinen Kurs.“

Da bin ich raus.

Prüfen Sie nicht nur die Person – prüfen Sie auch den Rat

Eine Empfehlung kann fachlich richtig sein und trotzdem überhaupt nicht zu Ihnen passen.

Das ist vielleicht der Punkt, der mir heute am wichtigsten ist.

Ein Rat muss nicht falsch sein, nur weil er für Sie nicht funktioniert.

Vielleicht ist eine bestimmte Strategie hervorragend für große Online-Shops.

Aber vollkommen unnötig für einen regionalen Dienstleister.

Vielleicht funktioniert täglicher Content für jemanden, dessen gesamtes Geschäftsmodell auf Reichweite basiert.

Aber nicht für eine Einzelunternehmerin, die mit fünf hochwertigen Projekten im Jahr vollkommen ausgelastet ist.

Deshalb würde ich mir bei Empfehlungen immer fragen:

Für wen gilt das?

Unter welchen Voraussetzungen?

Was soll damit erreicht werden?

Und:

Passt das überhaupt zu meinem Unternehmen?

Das schützt erstaunlich gut davor, jeden Mittwoch die komplette Marketingstrategie neu zu erfinden.

Und nur damit kein Missverständnis entsteht …

Auch ich sitze hier und schreibe Ihnen gerade meine Meinung ins Internet.

Das sollte man vielleicht ebenfalls einmal sagen.

Ich schreibe Blogartikel.

Ich berate Kundinnen und Kunden.

Ich gebe Empfehlungen.

Ich erkläre, was ich sinnvoll finde und was nicht.

Also gilt selbstverständlich alles, was ich hier schreibe, auch für mich.

Hinterfragen Sie meine Aussagen.

Fragen Sie nach.

Schauen Sie, ob meine Argumente für Ihr Unternehmen Sinn ergeben.

Wenn ich etwas behaupte und Sie denken:

„Das passt für mich überhaupt nicht.“

dann sprechen Sie es an.

Ich möchte nicht, dass jemand etwas tut, nur weil:

„Die Frau von der Werbeagentur hat gesagt, das muss so.“

Im Gegenteil.

Wenn wir gemeinsam arbeiten, möchte ich verstehen, warum Sie etwas anders sehen.

Manchmal habe ich danach noch immer eine andere Meinung.

Das darf ebenfalls sein.

Aber dann können wir wenigstens vernünftig darüber reden.

Woran ich gute Beratung erkenne

Nicht daran, dass mir jemand möglichst schnell sagt, was ich tun soll.

Für mich wird jemand interessant, wenn er:

zuhört.

Fragen stellt.

Zusammenhänge erklärt.

Vor- und Nachteile nennt.

Nicht jedes Problem dramatisiert.

Nicht automatisch die teuerste Lösung empfiehlt.

Grenzen des eigenen Wissens kennt.

Nicht gleich unhöflich wird, wenn man sich Bedenkzeit erbittet oder das „tolle“ Angebot ablehnt.

Und auch einmal sagt:

„Das brauchen Sie nicht.“

Dieser letzte Satz schafft bei mir übrigens wesentlich mehr Vertrauen als zehn Folien darüber, warum ich jetzt unbedingt noch ein weiteres Tool brauche.

Mein Fazit: Glauben Sie nicht alles. Auch nicht mir.

Ich halte viel von Fachwissen.

Von Weiterbildung.

Von Beratung.

Und davon, Menschen zu fragen, die mehr Erfahrung in einem bestimmten Bereich haben als man selbst.

Ich wäre ohne all das beruflich nicht dort, wo ich heute bin.

Aber Expertise bedeutet für mich nicht:

„Tun Sie, was ich sage.“

Sondern:

„Ich gebe Ihnen mein Wissen, meine Erfahrung und meine Einschätzung – und wir schauen, was davon für Ihre Situation sinnvoll ist.“

Wenn jemand behauptet, die eine richtige Antwort für jedes Unternehmen zu kennen, werde ich deshalb weiterhin skeptisch.

Wenn zusätzlich noch ein Countdown läuft, das Angebot nur bis Mitternacht gilt und mein gesamtes Business offenbar zusammenbricht, wenn ich nicht sofort buche …

nun ja.

Dann sehe ich vermutlich wieder ein bisschen rot.

Und mache erst einmal gar nichts.

Manchmal ist Nachdenken schließlich die unterschätzteste Marketingstrategie überhaupt.

Blog-Autorin Manuela Spiegelfeld
AUTORIN Manuela Spiegelfeld

Gründerin von ARTbySpiegelfeld.
Ich schreibe über Gestaltung, Webdesign, Sichtbarkeit und das, was mir im Business-Alltag sonst noch begegnet.

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