Es gibt diese Tage.
Im Business läuft gerade wenig.
Eine Anfrage, mit der man gerechnet hat, kommt nicht.
Ein Projekt verzögert sich.
Man zweifelt an einer Entscheidung.
Oder es ist überhaupt nichts Konkretes passiert – und trotzdem fühlt sich plötzlich alles schwerer an als gestern.
Gerade in meiner Anfangszeit als Selbständige kannte ich diese Tage ziemlich gut.
An einem Tag dachte ich:
Das wird richtig gut.
Zwei Tage später:
Was um alles in der Welt habe ich mir dabei gedacht?
Selbständigkeit kann emotional eine erstaunliche Spannweite haben.
Und nein, darauf war ich nicht vorbereitet.
Die Arbeit war gar nicht das Überraschende
Mit den vielen Gedanken hatte ich weniger gerechnet.
Dass Selbständigkeit Arbeit bedeutet, wusste ich.
Dass ich Verantwortung übernehmen muss, ebenfalls.
Dass nicht jeden Montagmorgen pünktlich drei neue Aufträge im Postfach liegen würden, war mir theoretisch auch klar.
Theoretisch.
Praktisch fühlt es sich trotzdem anders an, wenn tatsächlich einmal mehrere Tage nichts kommt.
Kein Anruf.
Keine Anfrage.
Kein neuer Auftrag.
Und plötzlich beginnt der Kopf zu arbeiten:
War die Entscheidung richtig?
Reicht das?
Kommt wieder etwas?
Mache ich genug?
Oder noch schlimmer:
Mache ich vielleicht alles falsch?
Ich bin ein Mensch, der gerne viel nachdenkt.
Das ist beruflich oft sehr hilfreich.
In solchen Situationen allerdings nicht unbedingt.
Denn aus Nachdenken kann erstaunlich schnell Grübeln werden.
Und irgendwann löst man keine Probleme mehr.
Man dreht nur noch dieselben Gedanken im Kreis.
Irgendwann brauchte ich etwas, das diesen Kreis unterbricht
Keine große Methode. Nur einen Moment.
In dieser Zeit habe ich angefangen, etwas ganz Einfaches zu machen.
Keinen komplizierten Morgenablauf.
Keine zehn Schritte.
Keine App.
Keine spezielle Ausrüstung.
Ich gehe nach draußen.
Wenn möglich irgendwohin, wo ich ein bisschen Weite sehe.
Ich schaue mich um.
In die Landschaft.
Auf die Bäume.
Oder einfach in den Himmel.
Und dann atme ich ein paarmal langsam durch.
Mehr passiert zunächst gar nicht.
Das klingt ausgesprochen unspektakulär.
Ist es auch.
Aber genau das mag ich daran.
Und dann erzähle ich
Dem Universum. Dem Leben. Oder vielleicht einfach mir selbst.
Wer mich näher kennt, weiß, dass ich durchaus eine spirituelle Seite habe.
Nicht übertrieben.
Ich richte mein Business nicht nach dem Stand des Mondes aus und frage auch nicht meine Zimmerpflanzen, ob ich ein Angebot verschicken soll.
Aber ich glaube daran, dass es Dinge gibt, die wir nicht unbedingt erklären müssen, damit sie uns guttun.
Also erzähle ich.
Leise oder nur in Gedanken.
Was mich gerade beschäftigt.
Was mich ärgert.
Wovor ich Angst habe.
Warum ich unsicher bin.
Manchmal bitte ich um Unterstützung.
Vom Universum.
Vom Leben.
Von diesem „Mehr“, das ich persönlich spüre, ohne dafür eine besonders kluge Definition zu brauchen.
Und am Ende bedanke ich mich.
Dann atme ich noch einmal ruhig durch.
Das war’s.
Nein, danach klingelt nicht automatisch das Telefon
So praktisch ist das Universum leider nicht organisiert.
In meinem alten Text habe ich geschrieben, dass danach oft etwas Gutes passiert.
Ein Anruf.
Eine Idee.
Ein Auftrag.
Und tatsächlich hatte ich dieses Gefühl immer wieder und es passierte auch was – in einer Stunde oder einem Tag.
Aber heute würde ich es aber etwas anders ausdrücken.
Ich glaube nicht, dass drei Atemzüge in den Himmel eine automatische Bestellleitung zum Universum öffnen.
Schade eigentlich.
Was sich aber verändert, bin häufig ich.
Ich bin ruhiger.
Der Kopf wird wieder klarer.
Dieses innere Katastrophenszenario wird ein bisschen leiser.
Und plötzlich sehe ich Dinge wieder, die vorher zwischen all den Sorgen keinen Platz hatten.
Eine Idee.
Eine mögliche Lösung.
Etwas, das ich als Nächstes tun könnte.
Oder manchmal auch einfach die Erkenntnis:
Heute muss ich dieses Problem gar nicht lösen.
Das kann ebenfalls ausgesprochen hilfreich sein.
Das Ritual nimmt mir die Verantwortung nicht ab
Und genau darum geht es auch nicht.
Ich halte nichts davon, Probleme einfach „ans Universum abzugeben“ und anschließend darauf zu warten, dass sich alles von selbst erledigt.
Wenn zu wenig Anfragen kommen, muss ich irgendwann schauen, warum.
Wenn etwas in meinem Unternehmen nicht funktioniert, muss ich handeln.
Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, muss ich sie treffen.
Mein kleines Ritual ersetzt das alles nicht.
Es schafft lediglich einen Moment Abstand, einen kurzen Moment der Ruhe.
Zwischen:
„Alles ist furchtbar.“
und:
„Gut. Was kann ich jetzt tatsächlich tun?“
Und diesen Abstand brauche ich manchmal.
Vielleicht ist Ihr Ritual etwas vollkommen anderes
Es muss weder spirituell sein noch einen Namen haben.
Vielleicht gehen Sie spazieren.
Trinken in Ruhe einen Kaffee.
Arbeiten im Garten.
Fahren eine Runde mit dem Motorrad.
Setzen sich zehn Minuten irgendwohin, wo niemand etwas von Ihnen möchte.
Schreiben Gedanken auf Papier.
Oder drehen einfach einmal das Handy um und schauen eine halbe Stunde nicht hinein.
Es muss nichts Spektakuläres sein.
Für mich ist nur wichtig:
Es sollte tatsächlich Ihnen guttun.
Nicht weil irgendein Ratgeber behauptet, erfolgreiche Menschen müssten morgens um 5 Uhr meditieren, anschließend zwölf Seiten Tagebuch schreiben und vor dem Frühstück bereits einen Halbmarathon absolviert haben.
Wenn das Ihr Ding ist: wunderbar.
Meines wäre es nicht.
Ein persönliches Ritual darf klein sein.
Und es darf nur Ihnen gehören.
Ich brauche manchmal einfach den Himmel
Mehr ist es eigentlich gar nicht.
Wenn mein Kopf zu voll wird, gehe ich nach draußen.
Ich schaue nach oben.
Atme.
Erzähle ein bisschen.
Und werde still.
Die Probleme sind danach meistens noch dieselben.
Aber ich stehe ihnen wieder etwas anders gegenüber.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses kleine Ritual inzwischen schon so lange bei mir geblieben ist.
Es soll mein Leben nicht verändern.
Es muss keine Wunder vollbringen.
Es erinnert mich nur daran, für einen Moment aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und wieder in meine Mitte zu kommen.
Und manchmal reichen dafür tatsächlich:
drei tiefe Atemzüge,
ein bisschen Weite
und ein Blick in den Himmel.