Kamera-Angst?

Täglich treffe ich Unternehmer, deren Business förmlich nach Sichtbarkeit schreit – doch die Angst vor der Kamera blockiert alles. Ich verrate Ihnen, warum mein eigenes Video-Setup 6 Monate lang eine Katastrophe war und mit welcher simplen „Lösch-Taktik“ Sie die Scheu ablegen, um endlich authentische Videos zu drehen, die Kunden wirklich erreichen.

Hand aufs Herz:

Wie fühlen Sie sich, wenn plötzlich die Kamera auf Sie gerichtet ist?

 

Ganz entspannt?

Oder eher so:

Wo schaue ich hin?
Was mache ich mit meinen Händen?
Warum klingt meine Stimme so?
War mein Gesicht schon immer so?
Und können wir das bitte SOFORT wieder löschen?

 

Ich kenne Letzteres ziemlich gut.

Ich war früher ausgesprochen foto- und noch viel videoscheuer.

Und natürlich habe ich das Problem zuerst genauso gelöst, wie man solche Dinge hervorragend nicht löst:

Ich habe mich monatelang mit dem Setup beschäftigt.

Ich habe ungefähr sechs Monate am falschen Problem gearbeitet

Licht kann viel. Kameraangst wegbeleuchten gehört leider nicht dazu.

 

Wo drehe ich?

Welcher Hintergrund?

Welche Kleidung?

Welche Farben?

Brauche ich ein Mikrofon?

Wie muss das Licht stehen?

 

Ich habe Videos angesehen, Kurse gemacht und mich ausführlich mit dem perfekten Video-Setup beschäftigt.

Klingt fleißig.

War es auch.

 

Hat nur leider das eigentliche Problem nicht gelöst.

Denn sobald ich die Kamera eingeschaltet habe, fand ich das Ergebnis schrecklich.

Egal, wie schön das Licht war.

Egal, ob der Hintergrund ordentlich aussah.

 

Ich sah mich selbst reden und dachte:

Nein. Einfach nein.

Also wurde gelöscht.

Nächster Versuch.

Wieder gelöscht.

Und so ging das eine ganze Weile.

 

Die Videos wurden einfach nicht so, wie ich sie in meinem Kopf haben wollte:

perfekt, elegant, souverän, professionell.

Und irgendwann stellt man sich dann natürlich die ausgesprochen hilfreiche Frage:

Was stimmt eigentlich mit mir nicht?

Die Antwort war ziemlich einfach:

Nichts.

Ich war es schlicht nicht gewohnt, mich selbst auf Video zu sehen.

Der entscheidende Tipp war erstaunlich unspektakulär

Drehen Sie Videos, die niemals jemand sehen wird.

 

In einem Videokurs hörte ich irgendwann einen Rat, der wesentlich hilfreicher war als die nächste Anleitung zur perfekten Beleuchtung:

 

Trainieren Sie zuerst nur für sich selbst.

 

Nicht für Instagram.

Nicht für LinkedIn.

Nicht für potenzielle Kundinnen und Kunden.

Nur für Sie.

Nehmen Sie jeden Tag ein kurzes Video auf.

Erzählen Sie, was Sie heute gemacht haben.

Was Sie kochen werden.

Was Sie gerade beschäftigt.

Was heute im Büro passiert ist.

Völlig egal.

Kein ausgefeiltes Skript.

Kein perfektes Outfit.

Keine drei Stunden Vorbereitung.

Handy aufstellen.

Reden.

Fertig.

 

Und dann kommt der unangenehme Teil:

Anschauen.

Ja, Sie müssen sich das Video ansehen

Sonst trainieren Sie nur das Aufnehmen – nicht das Gewöhnen.

Genau dieser Teil ist wichtig.

Sehen Sie sich selbst an.

Nicht mit dem Auftrag, zwanzig Fehler zu finden.

Nicht mit:

„Meine Güte, was mache ich denn da mit meinem Mund?“

Sondern einfach einmal beobachten.

 

Wie spreche ich?

Wie gestikuliere ich?

Wie klingt meine Stimme?

Was wirkt eigentlich völlig normal, obwohl es sich beim Aufnehmen merkwürdig angefühlt hat?

Und danach:

Löschen.

 

Das Video muss und soll niemand sehen.

Es muss nirgendwo veröffentlicht werden.

Es braucht keinen Zweck außer einem:

Sie gewöhnen sich an sich selbst.

Genau das hat bei mir den Unterschied gemacht.

Wir kennen uns selbst beim Sprechen erstaunlich schlecht

Für Sie ist Ihre Aufnahme ungewohnt. Für andere sind Sie einfach Sie.

 

Ich musste mich erst an mein Gesicht beim Sprechen gewöhnen.

An meine Gestik.

An meine Mimik.

Und vor allem an meine Stimme.

 

Denn wir sehen uns zwar jeden Tag im Spiegel – aber eben meistens nicht während wir sprechen, lachen, überlegen oder nach Worten suchen.

Und unsere eigene Stimme hören wir ebenfalls anders als andere Menschen.

 

Kein Wunder also, dass eine Videoaufnahme zunächst befremdlich wirken kann.

Was Sie an sich selbst vielleicht als „seltsam“ empfinden, ist für andere Menschen oft vollkommen normal.

Die kennen Sie nämlich genau so.

 

Nur Sie selbst müssen sich erst daran gewöhnen.

Und das funktioniert meiner Erfahrung nach nicht durch Nachdenken.

Sondern durch Wiederholung.

Menschen mit den unterschiedlichsten Grimassen

Erst danach kommt das Setup

Bitte lösen Sie nicht Problem Nummer 7, solange Problem Nummer 1 noch mitten im Raum steht.

Wenn Sie sich langsam daran gewöhnt haben, vor der Kamera zu sprechen, können Sie sich um das Drumherum kümmern.

Licht.

Hintergrund.

Ton.

Kameraeinstellung.

Kleidung.

Wiedererkennung.

Aber bitte in dieser Reihenfolge.

Denn das beste Ringlicht der Welt bringt herzlich wenig, wenn Sie sich beim Einschalten der Kamera innerlich bereits unter dem Schreibtisch verstecken möchten.

Und auch beim Setup gilt:

Sie müssen ausprobieren.

Das ist kein Versagen.

Das ist der Prozess.

Kopieren Sie bitte nicht jedes erfolgreiche Video-Setup

Was bei anderen fantastisch aussieht, kann bei Ihnen vollkommen fremd wirken.

Natürlich können Sie sich inspirieren lassen.

Aber versuchen Sie nicht zwanghaft, das Studio irgendeines erfolgreichen Creators nachzubauen.

Vielleicht passt das perfekt zu dieser Person.

Und überhaupt nicht zu Ihnen.

Schauen Sie lieber zuerst auf das, was bereits da ist.

Ihr Arbeitsplatz kann beispielsweise eine hervorragende Kulisse sein.

Machen Sie ein Foto davon und schauen Sie sich an:

  • Ist der Hintergrund halbwegs ruhig?

  • Passt er zu Ihrem Unternehmen?

  • Ist genügend Licht vorhanden?

  • Gibt es Dinge, die unnötig ablenken?

  • Wirkt das Ganze bewusst oder einfach zufällig?

  • Fühlen Sie sich dort wohl?

Es muss nicht steril sein.

Es muss auch nicht aussehen, als hätte gerade ein Interior-Stylist drei Stunden lang jedes Buch im Regal exakt sieben Millimeter verschoben.

Es sollte vor allem zu Ihnen passen.

Ihr Video-Design darf sich verändern

Niemand ruft die Markenpolizei, nur weil der Hintergrund plötzlich anders aussieht.

Auch das musste ich erst lernen.

Mein Setup hat sich verändert.

Mein Design ebenfalls.

Manchmal drehe ich an einer anderen Stelle.

Manchmal sieht etwas anders aus als ein paar Monate zuvor.

 

Und wissen Sie was?

Es ist nichts Dramatisches passiert.

Keine empörte Menschenmenge vor meiner Tür.

 

Design darf sich entwickeln.

Gerade wenn Sie erst anfangen, müssen Sie nicht vor dem ersten Video bereits das endgültige visuelle Konzept für die nächsten zehn Jahre festlegen.

 

Sie dürfen testen.

Sie dürfen verändern.

Sie dürfen feststellen:

„Nein. Das war es noch nicht.“

Und dann machen Sie es beim nächsten Mal eben anders.

Der Fixpunkt sind nicht Ihre Brandfarben

Menschen erinnern sich an Menschen – nicht daran, ob Ihr Pullover exakt Bordeaux war.

Natürlich ist Wiedererkennung schön.

Ein stimmiger Hintergrund, Farben oder bestimmte Gestaltungselemente können helfen.

Aber bitte machen Sie daraus keine Wissenschaft, die Sie am Ende davon abhält, überhaupt etwas aufzunehmen.

Der wichtigste Wiedererkennungsfaktor sind immer noch Sie.

Ihre Stimme.

Ihre Art zu erklären.

Ihr Humor.

Ihre Haltung.

Ihre Sicht auf die Dinge.

Ich mache meine Videos heute häufig einfach aus dem Stegreif an meinem Arbeitsplatz.

Nicht perfekt.

Nicht bis ins letzte Detail inszeniert.

Aber es ist meine Art.

Und genau daraus entsteht mit der Zeit ebenfalls Wiedererkennung.

Raus aus dem Einheitsbrei

Wenn alle dieselben Regeln befolgen, sehen irgendwann auch alle gleich aus.

Rund um Social Media und Video gibt es erstaunlich viele Menschen, die einem ganz genau erklären können, was man unbedingt tun muss.

 

Dieser Hook.

Jener Aufbau.

Dieses Licht.

Diese Kleidung.

Bitte alle drei Sekunden schneiden.

Dann noch Untertitel in genau diesem Stil.

Und wehe, das Video dauert vier Sekunden zu lange.

 

Man kann sich daran orientieren.

Man kann sich damit aber auch hervorragend selbst lähmen.

Gerade kleine Unternehmen profitieren davon, wenn echte Menschen sichtbar werden.

Mit Persönlichkeit.

Mit Eigenheiten.

Mit einer Art zu sprechen, die nicht klingt wie aus demselben Onlinekurs kopiert.

Sie müssen nicht jedem gefallen.

Das funktioniert ohnehin nicht.

Und es wäre vermutlich auch ziemlich anstrengend.

Meine Lösung heute: Arbeitsplatz, Stegreif und meine eigene Art

Ich möchte mich verbessern. Aber sicher nicht gegen eine glattgebügelte Version von mir austauschen.

 

Nach vielen Versuchen habe ich irgendwann aufgehört, ständig darüber nachzudenken, wie ich wohl wirken könnte.

Ich bin, wie ich bin.

Natürlich möchte ich besser werden.

Klarer sprechen.

Technisch dazulernen.

Vielleicht Dinge anders aufbauen.

Aber nur bis zu einem gewissen Grad – ich möchte mich dabei nicht verbiegen.

 

Denn wenn jemand meine Art überhaupt nicht mag, wird daraus vermutlich ohnehin keine besonders glückliche Zusammenarbeit.

Dann darf diese Person gerne weiterscrollen.

Das ist völlig in Ordnung.

Sichtbarkeit bedeutet schließlich nicht, dass alle Sie mögen müssen.

Sie bedeutet, dass die richtigen Menschen erkennen können, wer Sie sind.

Mein Fazit

Wenn Sie Angst vor der Kamera haben, brauchen Sie vielleicht zuerst kein besseres Equipment – sondern mehr Gewöhnung.

Wenn Sie Videos machen möchten, aber jedes Mal vor der Kamera erstarren, beginnen Sie klein.

 

Nicht mit dem perfekten Reel.

Nicht mit dem perfekten Hintergrund.

Und bitte auch nicht mit einem dreitägigen Großeinkauf im Fotofachhandel.

Nehmen Sie Ihr Handy.

Stellen Sie es hin.

Reden Sie eine Minute.

Schauen Sie sich das Ergebnis an.

Löschen Sie es.

Und machen Sie morgen wieder eines.

Vielleicht dauert es zwei Wochen.

Vielleicht länger.

Das ist ziemlich egal.

 

Das Ziel ist zunächst nicht, großartige Videos zu produzieren.

Das Ziel ist, sich selbst auf Video irgendwann nicht mehr für einen mittelschweren Notfall zu halten.

Danach können wir uns immer noch über Licht unterhalten.

Blog-Autorin Manuela Spiegelfeld
AUTORIN Manuela Spiegelfeld

Gründerin von ARTbySpiegelfeld.
Ich schreibe über Gestaltung, Webdesign, Sichtbarkeit und das, was mir im Business-Alltag sonst noch begegnet.

Weitere Artikel