Warum es Mut braucht, im eigenen Unternehmen wirklich sichtbar zu werden
Ich habe lange geglaubt, dass ein professioneller Unternehmensauftritt vor allem eines sein muss:
richtig.
Die richtigen Farben.
Die richtige Sprache.
Die richtigen Fotos.
Die richtige Art, auf Social Media aufzutreten.
Nicht zu laut.
Nicht zu persönlich.
Nicht zu direkt.
Bloß niemanden verschrecken.
Und schon gar nicht anecken.
Also machte ich vieles so, wie man es eben macht.
Oder besser gesagt:
wie ich glaubte, dass man es machen sollte.
Das Ergebnis war durchaus professionell.
Ordentlich.
Freundlich.
Vermutlich auch vollkommen in Ordnung.
Nur eines war es immer weniger:
ich.
Man kann sich erstaunlich gut selbst wegdesignen
Besonders dann, wenn man alles richtig machen möchte.
Das ist eigentlich das Verrückte daran.
Ich beschäftige mich beruflich mit Marken.
Mit Gestaltung.
Mit Wirkung.
Mit der Frage, was ein Unternehmen besonders macht.
Und trotzdem brauchte ich bei meinem eigenen Unternehmen erstaunlich lange, bis ich verstanden habe:
Es reicht nicht, eine Marke zu gestalten, die zu mir passen könnte.
Ich muss mich auch trauen, darin vorzukommen.
Und genau daran hing es.
Nicht an der richtigen Schrift.
Nicht an irgendeinem Marketingkonzept.
Nicht daran, dass mir noch ein perfekter Social-Media-Plan gefehlt hätte.
Sondern daran, dass ich mich immer wieder fragte:
Kann ich das wirklich so machen?
Ist das professionell genug?
Ist das vielleicht zu eigen?
Zu elegant?
Zu direkt?
Zu persönlich?
Zu wenig locker?
Was denken andere aus meiner Branche darüber?
Und was erwarten Kunden eigentlich von einer Werbeagentur?
Man kann sehr viel Zeit damit verbringen, Antworten auf Fragen zu suchen, die vielleicht überhaupt niemand gestellt hat.
Eine kleine Geschichte dazu: Ich war damals bei einer Beratung für Selbständige. Die Beraterin sah meine vielen unterschiedlichen Fähigkeiten und meinte ziemlich schnell:
„Eigentlich sollten Sie eine Werbeagentur daraus machen.“
Sachlich gesehen war das gar kein schlechter Rat. Webdesign, Grafik, Werbung, Social Media – das passte durchaus unter diesen Begriff.
Nur hatte ich ein Problem damit:
Ich mochte das Wort „Werbeagentur“ überhaupt nicht.
Trotzdem habe ich es lange verwendet, weil es eben die naheliegende Bezeichnung war.
Und jedes Mal, wenn ich am Telefon sagen sollte:
„Werbeagentur ARTbySpiegelfeld …“
hatte ich das Gefühl, mir dabei ein kleines bisschen die Zunge zu brechen.
Es fühlte sich sperrig an. Fremd. Nicht nach mir.
Eigentlich hätte mir das schon viel früher etwas sagen sollen.
Aber ich habe es lange übergangen.
Schließlich versteht jeder, was eine Werbeagentur ist. Es klingt professionell. Es ist eine etablierte Bezeichnung. Also wird das schon passen.
Nur: Verstanden zu werden und sich selbst darin wiederzufinden, sind zwei verschiedene Dinge.
Heute würde ich dieses Gefühl wesentlich ernster nehmen.
Denn genau daraus ist irgendwann auch mein heutiger Blick auf ARTbySpiegelfeld entstanden: Ich wollte nicht länger versuchen, möglichst sauber in eine vorhandene Schublade zu passen. Ich wollte eine Bezeichnung und einen Auftritt finden, bei denen ich nicht jedes Mal innerlich denke:
„Ja … irgendwie schon. Aber eigentlich bin ich das nicht.“
Irgendwann war ich professionell – aber ziemlich weichgespült
Freundlich, korrekt und möglichst ohne Angriffsfläche.
Ich wollte nie jemand sein, der absichtlich provoziert.
Das möchte ich auch heute nicht.
Ich finde Höflichkeit wichtig.
Respekt.
Verlässlichkeit.
Und ich muss auch nicht zu jedem Thema meine Meinung möglichst laut ins Internet rufen.
Aber zwischen höflich sein und sich selbst ständig zurücknehmen liegt ein Unterschied.
Den habe ich lange nicht gesehen.
Wenn ich einen Text schrieb, nahm ich lieber noch einen schärferen Satz heraus.
Wenn ich mir bei einer Gestaltung dachte: „Das wäre eigentlich genau meins“, kam gleich die nächste Frage:
Ist das nicht zu viel?
Wenn irgendwo stand, Personal Branding müsse locker, nahbar und möglichst privat sein, fragte ich mich, ob ich das nun ebenfalls tun müsste.
Wenn alle plötzlich duzten, dachte ich:
Muss ich jetzt eigentlich auch?
Und irgendwann merkt man:
Man passt hier etwas an.
Dort noch etwas.
Dann noch ein bisschen.
Bis niemand mehr etwas daran auszusetzen haben dürfte.
Nur erkennt einen irgendwann auch kaum noch jemand darin.
Das Schwierige ist nicht herauszufinden, wer man ist
Das Schwierige ist manchmal, es auch zuzulassen.
Ich glaube, viele Selbständige wissen ziemlich gut, was ihnen gefällt.
Wie sie arbeiten möchten.
Welche Menschen sie mögen.
Was sie an ihrer Branche nervt.
Was sie niemals tun würden.
Welche Art von Kunden zu ihnen passt.
Und welche eben nicht.
Wir haben nur erstaunlich gut gelernt, all das wieder zu relativieren.
Weil man ja professionell wirken möchte.
Weil andere es anders machen.
Weil irgendein Experte erklärt, was heute angeblich funktioniert.
Oder weil jemand aus dem Umfeld sagt (vor allem Menschen, die einem viel bedeuten haben häufig extremen Einfluss):
„Also ich würde das anders machen.“
Und genau da braucht es Mut.
Nicht den großen, dramatischen Mut.
Keine Revolution.
Sondern diesen kleinen Satz:
„Ja. Du würdest es anders machen. Aber es ist mein Unternehmen.“
Das klingt banal.
Ist es nicht. Es ist sehr schwierig.
Mein eigener Markenprozess hat mir das ziemlich deutlich gezeigt
Erst jetzt fühlt sich mein Unternehmen wirklich nach mir an – nach einigen Jahren.
Bei meinem aktuellen Markenprozess habe ich mich deshalb nicht zuerst gefragt:
Welche Farbe ist gerade modern?
Was machen andere Agenturen?
Was funktioniert auf Instagram?
Wie sieht eine typische Kreativagentur aus?
Sondern:
Wie möchte ich eigentlich arbeiten?
Wie möchte ich wahrgenommen werden?
Was ist mir wichtig?
Was passt zu mir?
Was passt ausdrücklich nicht zu mir?
Welche Kunden möchte ich begleiten?
Wie möchte ich mit ihnen sprechen?
Wie soll sich mein Unternehmen anfühlen?
Und plötzlich haben Entscheidungen viel mehr Sinn ergeben.
Nicht, weil sie irgendeiner Marketingregel entsprechen.
Sondern weil sie miteinander zusammenpassen.
Mit mir.
Das war für mich wahrscheinlich die größte Veränderung.
Nicht das neue Design.
Nicht die neue Website.
Nicht irgendein einzelnes Element.
Sondern dieses Gefühl:
Jetzt bin tatsächlich ich in meinem Unternehmen angekommen.
Und ja – das hat erstaunlich lange gedauert.
Sich zu zeigen bedeutet nicht, alles zu zeigen
Persönlich ist nicht automatisch privat.
Auch das musste ich für mich klar trennen.
Gerade beim Thema Personal Brand hört man schnell:
Zeigen Sie mehr von sich.
Nehmen Sie die Menschen mit.
Seien Sie nahbar.
Erzählen Sie persönliche Geschichten.
Grundsätzlich verstehe ich den Gedanken.
Aber daraus wurde teilweise fast der Eindruck:
Je mehr Privatleben, desto authentischer.
Das sehe ich anders.
Ich muss nicht meinen gesamten Alltag veröffentlichen, damit Menschen wissen, wer hinter meinem Unternehmen steckt.
Ich kann zeigen, wie ich denke.
Wie ich arbeite.
Welche Haltung ich habe.
Was mir wichtig ist.
Worüber ich mich freue.
Und durchaus auch, worüber ich mich ärgere.
Ich kann eine klare Meinung haben.
Ich kann Humor zeigen.
Ich kann sagen:
Das mache ich nicht.
Oder:
Davon halte ich wenig.
Das ist Persönlichkeit.
Dafür braucht niemand meinen privaten Tagesablauf.
Nicht jeder muss mich mögen
Dieser Satz klingt leichter, als er sich anfühlt.
Natürlich möchte man gemocht werden.
Zumindest die meisten von uns.
Und gerade wenn man selbständig ist, hängt plötzlich noch etwas anderes daran:
Was, wenn jemand meine Art nicht mag und deshalb nicht bei mir kauft?
Genau das macht es so verlockend, möglichst neutral zu bleiben.
Wenn ich niemanden störe, verliere ich vielleicht auch niemanden.
Stimmt.
Aber wahrscheinlich gewinne ich damit auch niemanden gerade wegen meiner Art.
Und das ist heute für mich der wichtigere Gedanke.
Nicht jeder muss meine Texte mögen.
Nicht jeder muss meine Gestaltung mögen.
Nicht jeder muss meine Haltung teilen.
Und tatsächlich muss auch nicht jeder mit mir arbeiten wollen.
Eigentlich wäre es ziemlich merkwürdig, wenn es so wäre.
Ich möchte mit Menschen arbeiten, die meine Art schätzen.
Die mit meiner Arbeitsweise etwas anfangen können.
Die Klarheit mögen.
Die nicht erwarten, dass ich ihnen einfach das verkaufe, was gerade modern ist.
Und damit diese Menschen mich erkennen können, muss ich ihnen eben auch etwas zeigen, woran sie mich erkennen.
Ecken und Kanten bedeuten nicht, absichtlich unangenehm zu sein
Auch das wird gerne verwechselt.
„Seien Sie authentisch.“
„Zeigen Sie Haltung.“
„Trauen Sie sich anzuecken.“
Und plötzlich wirkt es, als müsse man nur oft genug laut widersprechen und schon hätte man eine starke Personal Brand.
Nein.
Ich muss nicht absichtlich provozieren.
Ich muss nicht jeden Trend schlechtreden.
Ich muss nicht andere Unternehmen herabsetzen, damit meines interessanter wirkt.
Und ich muss auch nicht meine Persönlichkeit zur Show machen.
Aber ich muss auch nicht jede Ecke abschleifen, bevor mich jemand überhaupt kennenlernen darf.
Das ist für mich inzwischen der Unterschied.
Manchmal muss man aufhören, die eigene Marke von außen zu betrachten
Und anfangen, darin zu leben.
Vielleicht ist das der Fehler, den ich selbst am längsten gemacht habe.
Ich habe mein Unternehmen immer wieder betrachtet, als würde ich danebenstehen:
Wie wirkt das?
Was denken die Leute?
Passt das in die Branche?
Ist das seriös genug?
Ist das kreativ genug?
Ist das zu viel?
Ist das zu wenig?
Natürlich sind Wirkung und Zielgruppe wichtig.
Ich beschäftige mich schließlich beruflich damit.
Aber irgendwann darf man sich auch fragen:
Fühle ich mich selbst darin eigentlich noch wohl?
Denn ich muss dieses Unternehmen jeden Tag führen.
Ich muss mit dieser Sprache kommunizieren.
Ich muss hinter den Aussagen stehen.
Ich muss mich auf diesen Fotos wiedererkennen.
Ich muss meine Leistungen vertreten.
Und ich muss mich nicht jeden Morgen als eine Person verkleiden, die zufällig sehr gut zu meinem Corporate Design passt.
Mein Fazit: Trauen Sie sich, erkennbar zu werden
Eine Marke braucht keine künstlichen Ecken.
Sie müssen nichts erfinden.
Sie müssen nicht lauter werden.
Nicht privater.
Nicht schriller.
Und schon gar nicht absichtlich unbequem.
Aber vielleicht dürfen Sie damit aufhören, alles an sich glattzubügeln, was jemandem nicht gefallen könnte.
Fragen Sie sich nicht nur:
„Was erwartet man von einem Unternehmen wie meinem?“
Fragen Sie sich auch:
„Was möchte ich eigentlich zeigen?“
Was ist mir wichtig?
Wie möchte ich arbeiten?
Was möchte ich anders machen?
Was darf man mir ruhig ansehen?
Und welche Dinge möchte ich ganz bewusst nicht mitmachen?
Vielleicht gefällt das nicht jedem.
Das ist in Ordnung.
Denn eine Marke, die niemanden stört, niemanden überrascht, nichts erkennen lässt und möglichst überall hineinpasst, hat irgendwann ein anderes Problem:
Man kann sich verdammt schlecht an sie erinnern.
Ich wollte lange bloß nicht anecken.
Heute denke ich:
Ich muss nicht anecken. Aber ich darf endlich Ecken haben.
