Selbständigkeit klingt nach Freiheit. Ja.
Nach eigenen Entscheidungen. Flexiblen Tagen. Niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Und endlich das eigene Ding machen.
Und ja.
Das stimmt.
Aber eben nicht vollständig.
Denn über einen Teil der Selbständigkeit wird deutlich weniger gesprochen.
Nicht, weil er geheim wäre.
Er macht sich nur nicht besonders gut zwischen Laptop-am-Strand-Fotos von den digitalen Nomaden und „Montag? Kenn ich nicht“-Postings von Influenzern.
Freiheit bedeutet nicht nur dürfen
Irgendwann merkt man: Ich darf entscheiden. Leider muss ich es auch.
Ich persönlich wollte schon immer selbständig sein.
Meine eigene Chefin sein. Selbst entscheiden, wie ich arbeite, mit wem ich arbeite und in welche Richtung sich mein Unternehmen entwickelt.
Diese Freiheit hat mich immer gereizt.
Und sie ist bis heute einer der Gründe, warum ich diesen Weg gehe.
Nach einigen Jahren mit meiner Werbeagentur sehe ich die Sache allerdings ein bisschen weniger euphorisch als am Anfang.
Denn Freiheit bedeutet eben auch:
Ich kann entscheiden.
Nein.
Ich muss entscheiden.
Und wenn ich nicht weiß, welche Entscheidung richtig ist, kommt leider niemand aus dem Nebenzimmer und sagt:
„Manuela, wir machen das jetzt so.“
Manchmal wäre das ausgesprochen praktisch.
„Als Selbständige können Sie sich alles aussuchen“
Theoretisch ja. Praktisch möchte das Unternehmen am Monatsende trotzdem Rechnungen bezahlen.
Auch so ein Satz, den man gerne hört:
„Das Schöne an der Selbständigkeit ist doch, dass Sie sich Ihre Kundinnen, Kunden, Projekte und Arbietszeit aussuchen können.“
Natürlich kann ich Aufträge ablehnen und mir einen Tag frei nehmen.
Und das tue ich auch – manchmal.
Aber wenn ich ausschließlich an jenen Tagen arbeiten würde, an denen mich die Muse küsst, nur Projekte annehme, auf die ich gerade wahnsinnig Lust habe, und ausschließlich mit meinen absoluten Wunschkundinnen und Wunschkunden arbeite …
nun ja.
Dann könnte ich meine Agentur vermutlich irgendwann zusperren.
Selbständigkeit ist kein Wunschkonzert. Vor allem, wenn man Verpflichtungen hat.
Sie ist ein ständiges Abwägen zwischen Wirtschaftlichkeit, Verantwortung, persönlichen Grenzen und der Frage:
Was möchte ich?
Und was muss trotzdem getan werden?
Ich wollte kreativ arbeiten – und bekam Buchhaltung dazu
Als Einzelunternehmerin bin ich erstaunlich viele Personen gleichzeitig.
Was mir im ersten Jahr erst so richtig bewusst wurde:
Ich bin nicht nur Webdesignerin und Kreative.
Und auch nicht nur Agenturinhaberin.
Je nach Uhrzeit bin ich:
Sekretärin.
Assistentin.
Buchhalterin.
Marketingabteilung.
Verkäuferin.
Projektmanagerin.
Technischer Support.
Einkauf.
Organisation.
Und gelegentlich auch die Putzfrau.
Danach darf ich dann wieder Chefin sein.
Am Anfang hat mir dieser ständige Rollenwechsel erstaunlich große Schwierigkeiten gemacht.
Ich wollte doch kreativ arbeiten.
Websites gestalten.
Marken entwickeln.
Ideen haben.
Stattdessen saß ich plötzlich da und dachte:
Warum verbringe ich meinen Vormittag eigentlich mit Buchhaltung?
Weil sie gemacht werden muss.
So einfach.
Sie möchten strategisch an Ihrem Unternehmen arbeiten – aber zuerst müssen Angebote hinaus.
Sie möchten kreativ sein – aber Rechnungen warten.
Sie planen Marketing – und zwischendurch wird das Büro geputzt.
Das ist nicht zwangsläufig ein Organisationsfehler.
Das ist für viele Einzel- und Kleinunternehmen schlicht Alltag.
Vor allem solange man sich Unterstützung noch nicht leisten kann – oder bewusst vieles selbst machen möchte.
Krank sein funktioniert ebenfalls ein bisschen anders
Der Körper interessiert sich leider erstaunlich wenig für Deadlines.
Natürlich können auch Selbständige krank sein.
Und es gibt je nach Versicherungssituation Unterstützungs- und Absicherungsmöglichkeiten.
Was trotzdem bleibt:
Mein Unternehmen läuft nicht automatisch weiter, nur weil ich mit Fieber im Bett liege.
Kundinnen und Kunden warten auf Antworten.
Projekte haben Termine.
Rechnungen müssen hinaus.
Irgendetwas funktioniert selbstverständlich genau dann nicht, wenn man sich am liebsten mit Tee unter der Decke verkriechen würde.
Und manches kann ich schlicht niemandem übergeben.
Gerade jetzt, mit knapp über 50, merke ich außerdem sehr deutlich, dass mein Körper nicht immer begeistert mitspielt.
Die Menopause ist bei mir durchaus ein Thema.
An manchen Tagen mehr.
An anderen weniger.
Und ja: Auch das gehört zu meiner Realität als Selbständige.
Ich kann nicht einfach so tun, als wäre mein Körper ein zuverlässiges Betriebssystem, das jeden Morgen fehlerfrei hochfährt und 10 Stunden am Stück läuft.
Und diese berühmte freie Zeiteinteilung?
Ja, ich kann am Mittwochnachmittag freimachen. Die Arbeit verschwindet davon nur leider nicht.
Das ist wiederum tatsächlich eine Freiheit, die ich sehr schätze.
Wenn das Wetter wunderschön ist und ich beschließe:
Heute Nachmittag arbeite ich nicht,
dann kann ich das tun.
Niemand muss mir Urlaub genehmigen.
Herrlich.
Nur liegt die Arbeit am nächsten Morgen noch da.
Oder ich erledige sie abends und schon mal nachts.
Oder am Wochenende.
Freiheit bedeutet also nicht automatisch:
weniger arbeiten.
Manchmal bedeutet sie einfach:
selbst entscheiden, wann man die Arbeit nachholt.
Auch schön.
Nur etwas weniger Instagram-tauglich.
Verantwortung kann man nicht am Büroeingang abgeben
Wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, kann ich nicht meinen Chef dafür verantwortlich machen.
Das ist wahrscheinlich einer der größten Unterschiede zu meinem früheren Angestelltenleben.
Entscheide ich falsch, muss ich damit umgehen.
Kalkuliere ich ein Projekt schlecht?
Mein Problem.
Investiere ich Geld in etwas, das nichts bringt?
Mein Problem.
Übersehe ich etwas Wichtiges?
Ebenfalls mein Problem.
Als Einzelunternehmerin trage ich für mein Unternehmen auch wirtschaftlich eine sehr unmittelbare persönliche Verantwortung.
Das kann manchmal beängstigend sein.
Es hat aber auch eine andere Seite:
Wenn etwas funktioniert, weiß ich ebenfalls:
Das habe ich aufgebaut.
Und dieses Gefühl möchte ich nicht missen.
Und nein: Der Umsatz gehört nicht einfach mir
Das ist eine Erkenntnis, die bei jeder größeren Überweisung wieder erstaunlich frisch wirkt.
Klar wusste ich, dass das Geld, das auf meinem Geschäftskonto landet, nicht automatisch mir privat zur Verfügung steht. Ich habe schließlich eine kaufmännische Ausbildung.
Aber zu wissen, wie das System funktioniert, und die Beträge dann tatsächlich regelmäßig vom Konto verschwinden zu sehen, sind trotzdem zwei verschiedene Dinge.
SVS.
Finanzamt.
Software.
Versicherungen.
Betriebsausgaben.
Investitionen.
Und all die kleinen Dinge, die einzeln gar nicht dramatisch aussehen und gemeinsam plötzlich einen sehr selbstbewussten Betrag ergeben.
Die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge hängt dabei von mehreren Faktoren und insbesondere den versicherungspflichtigen Einkünften ab.
Und ja:
Es gibt Überweisungen, bei denen ich jedes Mal kurz überlege, ob Weinen steuerlich absetzbar wäre.
Ist es vermutlich nicht.
Also weiter.
Das Leben hört neben dem Business ebenfalls nicht auf
Selbständigkeit bekommt leider keinen eigenen, sauber abgegrenzten Lebensbereich.
Neben dem Unternehmen gibt es schließlich noch das ganz normale Leben.
Familie.
Partnerschaft.
Freunde.
Haushalt.
Termine.
Menschen, die einen brauchen.
Dinge, die erledigt werden müssen.
Viele Selbständige kümmern sich zusätzlich um Kinder oder Angehörige und jonglieren diese Verantwortung parallel zum Unternehmen.
Und selbst wenn keine Kinder im Haushalt leben:
Das Privatleben löst sich nicht in Luft auf, nur weil man selbständig ist.
Während Sie arbeiten, läuft das Leben weiter.
Während Sie privat unterwegs sind, läuft im Hinterkopf manchmal das Business weiter.
Und genau diese Grenze sauber zu ziehen, finde ich bis heute nicht immer einfach.
Selbständigkeit endet nicht automatisch um 17 Uhr.
Der Kopf hat leider keinen Ladenschluss.

Warum ich trotzdem selbständig bleiben möchte
Es gibt keine Rose ohne Dornen (ich liebe Sprüche :-))
Nach all dem könnte man sich natürlich fragen:
Warum mache ich das überhaupt?
Weil ich trotz allem sehr gerne selbständig bin.
Ich mag es, meine Entscheidungen selbst zu treffen.
Ich mag es, mein Unternehmen entwickeln zu können.
Ich mag die Freiheit, Dinge auszuprobieren.
Ich mag es, Kundinnen und Kunden auf meine Art zu begleiten.
Und ich mag dieses Gefühl, etwas Eigenes aufzubauen.
Natürlich ist nicht jeder Tag großartig.
Aber seien wir einmal fair:
Das war und ist im Angestelltenverhältnis ebenfalls nicht so.
Auch dort gab es Dinge, die mich genervt haben.
Menschen, Entscheidungen und Rahmenbedingungen, die ich nicht beeinflussen konnte.
Die perfekte Arbeitsform gibt es vermutlich nicht.
Deshalb stelle ich mir lieber eine andere Frage:
Welche Nachteile bin ich bereit zu akzeptieren, damit ich die Vorteile bekomme, die mir wirklich wichtig sind?
Für mich gibt es bei der Selbständigkeit noch immer deutlich mehr:
„Ja, genau das möchte ich.“
als:
„Auf gar keinen Fall.“
Und solange das so ist, ist es für mich der richtige Weg.
